Home of the Red Monster

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Im Hausflur

Im Hausflur

Plötzlich steht dieser Mann im Stiegenhaus. Er scheint weder nach oben oder nach unten gehen zu wollen.

Ich habe es eilig, ich bin schon spät dran, wir haben zwar Gleitzeit, aber heute gibt es eine wichtige Besprechung bei der ich dabei sein muss.

Ich sehe ihn an, denke nach, ob ich ihn ansprechen soll. Aber nein, es kann eh niemand ins Stiegenhaus ohne Schlüssel. Oder hat ihm jemand die Tür aufgemacht ohne zu fragen wer er ist, nur weil es klingelt?
Egal, keine Zeit um zu fragen.
Grüsse kurz und laufe schnell vorbei.

Während des Tages denke ich kurz immer wieder daran, wie seltsam er ausgesehen hat.
Ein durchschnittlich grosser Mann, braune Haare, blass graue Augen die resigniert blickten. Durchschnittlich angezogen, nichts was einem im Gedächtnis bleibt, aber trotzdem …

Vielleicht war es dieses seltsame Verharren auf den Stufen, so als müsste er überlegen wie der nächste Schritt geht, wie es geht den Fuss zu heben, den Muskeln zu befehlen sich zu bewegen, hinauf oder hinunter, eine Veränderung die ihn überlastet.

Am späten Nachmittag noch kurz zum Türken Brot, Käse und Gemüse kaufen.

Beladen steige ich die Stiegen zu meiner Tür hoch. Auf einmal erschrecke ich: da steht noch immer dieser Mann!
Scheinbar auf derselben Stufe wie heute morgen.

„Guten Tag! Stehen Sie seit heute Morgen hier?“ Ich lächle um etwas die Härte der Worte zu dämpfen.

Er sieht mich an, es scheint als würde er fokussieren, mich wirklich zum ersten Mal sehen.
Lange sieht er mich an. Unangenehm die Stille, ich überlege ob er mich gehört hat, oder ob er vielleicht die Worte nicht verstanden hat. Überlege in welcher anderen Sprache ich meine Frage stellen könnte …

„ich stehe hier weil ich hier besser in das Fenster gegenüber sehen kann“

Verwundert blicke ich ihn an und trete ans Gangfenster um zu sehen von welcher Wohnung er spricht.

„und wieso beobachten sie dieses Fenster? Wie kommen Sie darauf, dass die Bewohner das wollen?“

„Ich weiss nicht, ob sie das wollen. Ich muss es tun. Ich wohne auf der anderen Seite der Häuser und seit Jahren beobachte ich die Bewohner des Hauses gegenüber. Das ist alles was ich zu tun habe.
Ich bin schon lange in Pension und kenne niemanden der mit mir Zeit verbringen will…. Das ist mein einziger Zeitvertreib.“

Betreten sehe ich ihn an. Unfähig zu antworten. Ganz alleine, weiss der arme Mann nichts mit sich und seiner Zeit anzufangen.

„Und warum stehen Sie jetzt auf einmal bei uns im Stiegenhaus?“

„Die Frau die dort wohnt, ich beobachte sie schon seit Jahren. Nichts Unanständiges …. wenn sie in der Früh aufsteht, grüsse ich sie leise in meiner Wohnung, wünsche mir, ich würde sie kennen… sie scheint auch niemanden zu haben der sich für sie interessiert.
So weit es geht, beobachte ich ihren Tagesablauf. Wir essen zur gleichen Zeit, ich sehe gut in ihre Küche und versuche zu erraten was sie kocht. Bemühe mich etwas Ähnliches zu kochen. … am Abend geht sie in ihr Wohnzimmer und ich sehe das Flimmern ihres Fernsehers, jeden Abend zur gleichen Zeit gehen wir zu Bett. Jeder in seines, ich rede noch mit ihr, im Bett ….

Und jetzt … jetzt habe ich sie schon zwei Tage nicht gesehen! Ich hätte doch bemerkt, wenn sie Koffer gepackt hätte um wegzufahren! Das hat sie noch nie gemacht!

Ich mache mir Sorgen und versuche von hier etwas zu sehen. Aber da sind die Vorhänge zu und ich habe den ganzen Tag kein Lebenszeichen von ihr gesehen!“

Er war ganz aufgeregt geworden, hatte schneller und schneller geredet. Rot im Gesicht, sah man ihm an, wie sehr ihn diese Situation mitnahm.

„Kommen Sie erst mal zu mir in die Wohnung und setzen Sie sich für eine Weile hin. Währenddessen rufe ich bei der Polizei an.
Wir werden das gemeinsam klären.“

Zuletzt sah ich ihn beim Begräbnis. Er schien trotzdem glücklich zu sein. Am Ende der Zeremonie kam er zu mir und sagte mir: „eine junge Familie ist in die Wohnung eingezogen! Sie haben zwei kleine Kinder!“

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